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Das Bild des Propheten Muhammad in Tilman Nagels Werk "Muhammad. Leben und Legende"

Das Bild des Propheten Muḥammad (صلعم) in Tilman Nagels Werk
Muḥammad. Leben und Legende *

 

Einführung

Die Erfahrung, die ich bei Veranstaltungen an der Goethe Universität oder an anderen Orten gemacht habe, ist, dass bei vielen Teilnehmenden v. a. grundlegende Kenntnisse über die islamische Religion fehlen. Dies gilt auch für Kenntnisse über das Leben des Propheten Muḥammad (صلعم). 

Wissenschaftliche und populistische Arbeiten zur islamischen Religion haben nach dem 11. September im Allgemeinen in Europa und im Besonderen in Deutschland stark zugenommen. Dies gilt für alle gängigen Kommunikationsmittel. Auch wenn unter diesen überaus bemerkenswerte Arbeiten vorhanden sind, finden zurzeit Themen wie Gewalt und Terror im Islam, Zwangsehen, Geschlechterdiskriminierung, Islam und Sexualität u. ä. mehr Zuspruch als theologische oder historische Themen zum Islam. Abgesehen von der Qualität, ist auch zu bedenken, inwieweit diese Arbeiten von der deutschen Mehrheit gelesen, verfolgt und geteilt werden. Die Erfahrung, die ich bei Veranstaltungen an der Goethe Universität oder an anderen Orten gemacht habe, ist, dass bei vielen Teilnehmenden v. a. grundlegende Kenntnisse über die islamische Religion fehlen. Dies gilt auch für Kenntnisse über das Leben des Propheten Muḥammad (صلعم).

In den letzten drei Jahren wurden in Deutschland mindestens fünf Biografien über das Leben des Propheten publiziert. Diese sind: Muhammad. Auf den Spuren des Propheten (2007) von Tariq Ramadan, einem Schweizer mit ägyptischen Wurzeln. Die Biographie wurde aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Mohammed. Eine Biografie (2008) von Hans Jansen. Diese ist eine Übersetzung aus dem Niederländischen. Adel Theodor Khoury, ein melkitisch katholischer Theologe libanesischer Herkunft schrieb Muhammad. Der Prophet und seine Botschaft (2008). Zuletzt seien noch die Biographien von den beiden Orientalisten / Islamwissenschaftlern Tilman Nagel Mohammed. Leben und Legende (2008) und  Marco Schöller Mohammed (2008) erwähnt.

Auf diesem Symposium werde ich das Buch Mohammed. Leben und Legende von Tilman Nagel vorstellen.

1. Tilman Nagel – Sein Leben und seine Werke

Tilman Nagel, geboren im April 1942 in Cottbus im Osten Deutschlands, ist ein bekannter Orientalist und Islamwissenschaftler. Er ist Verfasser von zahlreichen Werken v. a. zur islamischen Geschichte. Einige von diesen werden in den Islamwissenschaften und benachbarten Disziplinen als Standartwerke empfohlen und als Einführungsliteratur gelesen:

Staat und Glaubensgemeinschaft im Islam, Von den Anfängen bis ins 13. Jahrhundert. Bd. 1. Zürich: Artemis, 1981.

Staat und Glaubensgemeinschaft im Islam. Vom Spätmittelalter bis zur Neuzeit. Bd. 2. Zürich: Artemis, 1981.

Geschichte der Islamischen Theologie. Von Mohammed bis zur Gegenwart. München: C. H. Beck Verlag, 1994.

Das Islamische Recht. Eine Einführung. Westhofen: WVA Verlag, 2001.

Der Koran: Einführung, Texte, Erläuterungen. München: C. H. Beck Verlag, 2002.

Nagel ist ein Wissenschaftler, der für seine kritische Haltung gegenüber dem Islam bekannt ist. Er ist der Ansicht, dass im Kern des Islam Radikalität und Gewalt vorhanden sind. In seinen Arbeiten konzentriert er sich darauf, dies nachzuweisen.

Ich habe Nagel 2004, nachdem ich in das Graduiertenkolleg "Götterbilder – Gottesbilder – Weltbilder“ an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Göttingen als Doktorandin aufgenommen wurde, kennengelernt. Innerhalb der dreijährigen Promotionsdauer hat er meine Arbeit betreut. Nach seiner Emeritierung im Jahr 2007 wurde er in der Arbeitsgruppe "Deutsche Gesellschaftsordnung und Wertekonsens" der Deutschen Islam Konferenz tätig. Darüber hinaus wirkt Nagel in Deutschland als Berater für Angelegenheiten, die mit dem Islam zu tun haben. Aktuell fand er wieder Erwähnung nach der Urteilsverkündung des Oberverwaltungsgerichts Berlin-Brandenburg im Mai 2010. Es handelte sich dabei um die Klage eines Gymnasiasten, der auf einer Schule in Berlin (mit hohem Migrantenanteil) einen Raum für die Verrichtung des rituellen Gebetes eingefordert hatte. Die Klage des Schülers war vom Gericht angelehnt worden.

So kritisch Nagel dem Islam und den Muslimen gegenüber steht, so sind auch seine Ansichten bei einem Großteil der Akademiker umstritten. Dem ungeachtet darf auch gesagt werden, dass er zu den bedeutenden Islamgelehrten in Deutschland gehört und bei der Etablierung und Gestaltung des Islam in Deutschland keine zu unterschätzende Rolle spielt.

2. Die Biografie des Propheten von Tilman Nagel: Mohammed – Leben und Legende

Das Buch trägt den Titel Mohammed. Leben und Legende. Wie der Titel impliziert, nahm sich der Autor hauptsächlich vor, zwischen den "realen" und "irrealen" Auskünften zu Muḥammads (صلعم) Leben zu unterscheiden. Die wesentlichen Schwerpunkte im Buch sind folgende:

1. Der Prophet hatte noch während er in Mekka lebte politische Ambitionen
2. Die Annahme, dass erst nach der Auswanderung nach Medina (ab 622) dort eine muslimische Gemeinschaft entstanden sei, ist falsch
3. Der Prophet hat seine Beziehungen zum Stamm Quraiš, zu dem er angehörte, in Wirklichkeit nie abgebrochen

An dieser Stelle ist es wichtig, zu wissen, dass Nagel zu jenen Forschern gehört, die die Authentizität des Korans nicht infrage stellen.

Das Buch trägt den Titel Mohammed. Leben und Legende. Wie der Titel impliziert, nahm sich der Autor hauptsächlich vor, zwischen den "realen" und "irrealen" Auskünften zu Muḥammads (صلعم) Leben zu unterscheiden. Die wesentlichen Schwerpunkte im Buch sind folgende:

4. Der Prophet hatte noch während er in Mekka lebte politische Ambitionen

5. Die Annahme, dass erst nach der Auswanderung nach Medina (ab 622) dort eine muslimische Gemeinschaft entstanden sei, ist falsch

6. Der Prophet hat seine Beziehungen zum Stamm Quraiš, zu dem er angehörte, in Wirklichkeit nie abgebrochen

An dieser Stelle ist es wichtig, zu wissen, dass Nagel zu jenen Forschern gehört, die die Authentizität des Korans nicht infrage stellen. Um die oben genannten Thesen nachzuweisen, hat er in seinem Werk viele Primär- und Sekundärquellen herangezogen. Unter diesen nehmen die Sīra von Ibn Ishāq (gest. 767) und die al-Maġāzī von al-Wāqidī (gest. 823) als Primärquellen viel Raum ein.

Die ersten fünf Kapitel des Buches umfassen ca. 500 Seiten. Sie handeln überwiegend vom Leben des Propheten Muḥammad (صلعم). Die restlichen 350 Seiten gehen darauf ein, wie sich die von ihm in Gang gesetzten religiösen, sozialen oder wirtschaftlichen Änderungen in der Periode der nachfolgenden Kalifen Abū Bakr (reg. 632-634), ʿUmar (reg. 634-644), ʿUṯmān (reg. 654-656) und ʿAlī (reg. 656-661) ausgewirkt haben und von diesen umgesetzt wurden. Für das aus insgesamt 1050 Seiten bestehende Buch hat Nagel mehr als 350 Quellen herangezogen. Allein die ersten fünf Kapitel enthalten 1796 Fußnoten.

Nach den Untersuchungen von Nagel wurde Muḥammad (صلعم) weder im „Jahr des Elefanten“, das meist mit 571 angegeben wird, noch in Mekka geboren. Sein eigentlicher Name lautet auch nicht Muḥammad. Im Folgenden sollen Nagels Ergebnisse u. a. in Bezug auf den Geburtsort, das Geburtsdatum und den Namen erörtert werden.

2.1. Geburtsort, Geburtsdatum und Name des Propheten (S. 98 – 100)

Durch eine vergleichende Analyse von verschiedenen Quellen kommt Nagel zu dem Ergebnis, dass Muḥammad (صلعم) nicht im Jahre 571, sondern im März 569 geboren wurde. Er hebt außerdem hervor, dass die Geburt des Propheten und der Feldzug des jemenitischen Herrschers Abraha, das uns unter dem Stichwort „Jahr des Elefanten“ bekannt ist, sich zeitlich nicht decken. Eine weitere Unterscheidung ist, dass auf dem Feldzug im besagten Jahr, - nicht wie üblich angenommen - Abraha als Heerführer in die Flucht geschlagen wurde, sondern ein Kommandant seines Neffen. Die Überlieferungen, die die Geburt Muḥammads (صلعم) mit dem „Jahr des Elefanten“ in Einklang bringen, gehören nach Nagel in den Bereich der Legenden. Er meint, dass diese Überlieferungen dazu dienen, aus dem Stamm Quraiš vor allem die Linie der Nachkommen von ʿAbd al-Muṭṭalib zu glorifizieren und deren Herrschaft über die Araber zu legitimieren.

In Bezug auf den Geburtsort des Propheten schreibt Nagel, dass die Stadtchroniken zu Mekka keine konkreten Angaben dazu machen. Er hingegen hebt die Überlieferung hervor, in dem als Geburtsort die Siedlung Usfān angegeben wird. Dieser Ort liegt eine Zweitagesreise von Mekka entfernt. Ein weiterer Hinweis, der für diesen Ort spricht, besteht nach Nagel in den Verwandtschafts- und Stammesbeziehungen Muḥammads (صلعم) zu den Ḫuzāʿa, die eben dort angesiedelt waren.

Bezüglich des Namens des Propheten meint Nagel, dass er Quṯam (قثم) geheißen haben könnte.

In Bezug auf den Geburtsort des Propheten schreibt Nagel, dass die Stadtchroniken zu Mekka keine konkreten Angaben dazu machen. Er hingegen hebt die Überlieferung hervor, in dem als Geburtsort die Siedlung Usfān angegeben wird. Dieser Ort liegt eine Zweitagesreise von Mekka entfernt. Ein weiterer Hinweis, der für diesen Ort spricht, besteht nach Nagel in den Verwandtschafts- und Stammesbeziehungen Muḥammads (صلعم) zu den Ḫuzāʿa, die eben dort angesiedelt waren. Bezüglich des Namens des Propheten meint Nagel, dass er Quṯam (قثم) geheißen haben könnte.

Als Quelle dieser Annahme zitiert er folgende Überlieferung von Muḥammad (صلعم): “Ich bin der Gesandte (ar-Rasūl) der Lebendigkeit und der prächtigen Kriege. Ich bin Quṯam!". Später soll man versucht haben, den Namen Quṯam mit "der Vollkommene und (alle positiven Eigenschaften in sich) Einende" zu übersetzen. Muḥammad hingegen sei ein Beiname, der – wie es bei den Arabern üblich war – wie ein Eigenname verwendet wurde. Als Beispiel dafür gibt Nagel Quṣaiy an, dessen eigentlicher Name Zayd war. Eine weitere Ausführung von Nagel ist, dass die damaligen Araber in der Erwartungshaltung eines Propheten waren. Dieser Prophet sollte mit dem Namen Muḥammad angesprochen werden. Er betont, dass einige Personen nur aus diesem Grund ihren Kindern, ja sogar sich selbst diesen Namen gaben. Wann sich der Prophet diesen Namen angeeignet haben könnte, dazu macht Nagel keine weiteren Angaben.

3. Weitere Ansichten und Schlussfolgerungen von Nagel, die in Bezug auf Muḥammad (صلعم) im Gegensatz zum „allgemein Anerkannten“ stehen

3.1. Die Beziehung Muḥammads (صلعم) zu seinem Onkel Abū Ṭālib (S. 103 – 4)

Nagel geht davon aus, dass es über das Leben des Propheten allgemein anerkannte Informationen gibt. Einige davon können wie folgt genannt werden: Kurz vor Muḥammads (صلعم) Geburt starb sein Vater und mit ca. 6 Jahren die Mutter. Bis zu seinem 4. Lebensjahr wurde er von einer Frau namens Ḥalīma, die außerhalb von Mekka lebte, gesäugt. Bis zu seiner Heirat führte er ein schwieriges Leben in Armut. Mit dem Beginn der Prophetie wurde er in der Gesellschaft verachtet und überstand Lebensgefahren. Von seiner Aufrichtigkeit, Opferbereitschaft und seinem ethisch-moralischen Verhalten ließ er jedoch nie ab. Bestimmt haben die Meisten von Ihnen den Film The Message, in dem das Leben des Propheten und die Geburt des Islam thematisiert werden, gesehen. Wenn wir diesen Film mit der Biographie Muḥammads (صلعم) in Nagels Buch vergleichen, dann können wir sagen, dass der Film sozusagen weitgehend eine Legende widerspiegelt.

Bestimmt haben die Meisten von Ihnen den Film The Message, in dem das Leben des Propheten und die Geburt des Islam thematisiert werden, gesehen. Wenn wir diesen Film mit der Biografie Muḥammads (صلعم) in Nagels Buch vergleichen, dann können wir sagen, dass der Film sozusagen weitgehend eine Legende widerspiegelt. 

Zu diesen allgemein anerkannten Kenntnissen gehört auch die enge Beziehung Muḥammads (صلعم) zu seinem Onkel Abū Ṭālib. Nach dem Tod seines Großvaters kam er in dessen Obhut und wurde von ihm großgezogen. Den Überlieferungen zufolge ist es allgemein anerkannt, dass Abū Ṭālib seinen Neffen wie seinen eigenen Augapfel behütete. Um ihm ein schönes Leben zu ermöglichen, nahm er große Opferbereitschaft auf sich. Nagel, nach dessen Ansicht Sure 93/7 auf diese schwierigen Kindheitstage Muḥammads hinweist, meint, dass die Überlieferungen, die von der engen Beziehung zwischen ihm und Abū Ṭālib berichten, in Wirklichkeit andeuten wollen, dass Abū Ṭālib bereits wisse, wen er großziehe. Der Autor hingegen meint, dass Abū Ṭālib seinem Neffen keinen so großen Wert beimaß. Nach einer Überlieferung aus dem Kitāb al-Muḥabbar von Muḥammad b. Ḥabīb und dem Ṭabaqāt von Ibn Saʿd, wünschte der Prophet Umm Ḥāniʾ, die Tochter von Abū Ṭālib, zu heiraten und teilte dies seinem Onkel mit. Dieser lehnte den Wunsch seines Neffen jedoch ab und vermählte sie mit einer einflussreichen Person. Nagels Andeutung lässt folgenden Rückschluss ziehen: Hätte Abū Ṭālib seinen Neffen wirklich so wertgeschätzt oder wirklich gewusst, wen er großzog, wie es uns die Überlieferungen mitteilen, dann hätte er seine Tochter auch mit ihm verheiratet. Er zog für seine Tochter jedoch einen Mann aus der aristokratischen Familie der Banū Maḫzūm vor, nämlich Hubaira b. Abī Wahb. Dieser Mann hatte bei der Restauration der Kaʿba eine bedeutende Rolle übernommen.

Nagels Andeutung lässt folgenden Rückschluss ziehen: Hätte Abū Ṭālib seinen Neffen wirklich so wertgeschätzt oder wirklich gewusst, wen er großzog, wie es uns die Überlieferungen mitteilen, dann hätte er seine Tochter auch mit ihm verheiratet. Er zog für seine Tochter jedoch einen Mann aus der aristokratischen Familie der Banū Maḫzūm vor, nämlich Hubaira b. Abī Wahb. Dieser Mann hatte bei der Restauration der Kaʿba eine bedeutende Rolle übernommen.

Genau an dieser Stelle holt Nagel ein wenig aus und weist zusätzlich auf folgende Begebenheit hin: Umm Ḥāniʾ nahm erst im Jahre 630, nachdem Mekka erobert worden war, den von Muḥammad (صلعم) verkündeten Glauben an und trennte sich von ihrem Ehemann, der dem Polytheismus treu geblieben war. Daraufhin hielt Muḥammad (صلعم) erneut um ihre Hand an. Dieses Mal wies sie den Antrag ab. Ihre Begründung war, dass ihre Kinder in einer Weise erzogen worden seien, die ihn möglicherweise verletzen könnte. Nach dieser 'Abfuhr' offenbarte Gott für seinen Gesandten den 50. Vers der Sure 33. So wurde ihm indirekt mitgeteilt, dass er sich in Bezug auf die Frage, wen er heiraten könne, eigentlich bisher richtig verhalten hatte. Denn der Vers berichtet davon, dass Muḥammad (صلعم) u. a. die Töchter seiner Verwandten ersten Grades, die mit ihm ausgewandert waren, heiraten durfte. Nagel interpretiert den Vers daher wie folgt: Da Umm Ḥāniʾ nicht ausgewandert war, erfüllte sie die Kriterien des Verses nicht. Eine Ehe mit ihr wäre daher ohnehin nicht möglich gewesen.

3.2. Verwandtschaftliche Bindungen der Banū Hāšim zum Stamm Ḫazraǧ (S. 44-5)

Nagel misst in seinem Werk den Beziehungen zwischen Stämmen und Clans in vorislamischer Zeit große Bedeutung bei. Deshalb sind darin auch viele Detailinformationen enthalten. Der Grundstein für die Anerkennung, die der Prophet Muḥammad (صلعم) von den Stämmen Aus und Ḫazraǧ in Medina genoss, wurde nach Nagel bereits zu Lebzeiten von Hāšim, Muḥammads (صلعم) Urgroßvater, gelegt. Während Nagel im 1. Kapitel eingehend von den von Hāšim aufgebauten Handelsbeziehungen und dem -netz berichtet, erwähnt er auch eine von ihm in Medina eingegangene Ehe. Dies ist die mit Salmā bt. ʿAmr, einer wohlhabenden und einflussreichen Frau von den ʿAdī b. Banū Naǧǧār aus dem Stamm Ḫazraǧ. Das Paar bekam u. a. einen Sohn, den sie ʿAbd al-Muṭṭalib nannten. Nach dem Tod Hāšims sollte er der Alleinerbe werden. Diese Informationen entnimmt Nagel von ʿAbd Allāh b. Naufal b. al-Ḥāriṯ. Darüber hinaus erwähnt er auch, dass Salmā in ihrer ersten Ehe mit Uḥayḥa b. al-Ǧulāḥ, einem Mann aus dem Stamm Aus, verheiratet war, und von ihm zwei Söhne hatte: ʿAmr und Maʿbad. Dadurch sei auch eine verwandtschaftliche Beziehung zu dem Stamm Aus zustande gekommen. Diese Verbindungen waren für die Gewährleistung der Sicherheit der nördlichen Handelswege von großer Bedeutung. Und sie werden nach Nagel wieder greifen, wenn Muḥammad (صلعم) in Medina Fuß zu fassen beginnt.

3.3. Landbesitz Muḥammads (صلعم) im palästinensischen Raum (S. 155-6)

Nagel, der in der Biographie Dutzende Überlieferungen als Hintergrundinformation nutzt, weist auf eine ererbte Liegenschaft des Propheten in der Nähe der Stadt al-Ḫalīl hin, das sich im palästinensischen Raum befindet. Dies teilt er mit, während er von der Rolle der Hanīfen auf der Arabischen Halbinsel in vorislamischer Zeit eingeht. Das eigentliche Thema bilden in diesem Abschnitt die Kurzgeschichten (Qiṣṣa), die Muḥammad (صلعم) offenbart wurden. Nagel ist der Auffassung, dass die Inhalte dieser Geschichten den Adressaten der Offenbarung in Mekka bekannt waren. Das belegt er mit diversen Gedichten, die zuvor von Hanīfen geschrieben worden waren, oder mit Psalmen, die bereits von Christen in den Gottesdiensten gesungen wurden.

Um auf die Liegenschaft noch einmal zurückzukommen; so war Muḥammad (صلعم), nach einer Information von dem aus dem heutigen Urfa stammenden Historiker Jakob von Edessa (gest. 708) zufolge, als Händler bis nach Palästina, das als arabisches Gebiet galt, und bis in die phönizische Stadt Tyros gelangt. Nagel meint, dass damals mit dem Ausdruck „arabisches Gebiet“ die Landschaft um Nissibin (heute: Nusaybin - in der Nähe von Mardin) verstanden wurde, in dem viele Beduinen lebten. Er führt dann aus, dass Muḥammad (صلعم) einem Christen namens Tamīm ad-Dārī für seine Dienste in Medina Ländereien bei al-Ḫalīl übereignete.

Hier stellt Nagel auch eine Verbindung zu einem Thema her, von der er zu Beginn auf den Seiten 20-1 gesprochen hatte. Demnach berichtet der griechische Historiker Sozomenos (gest. ~450) von einer Kultstätte bei al-Ḫalīl, die für Abraham errichtet worden war. Zu diesem Ort pilgerten nicht nur Juden und Christen, sondern auch heidnische Araber. Bis zur Regierungszeit von Kaiser Konstantin (reg. 306-337) war dieser Ort eine heilige Stätte für Pilger. Zahlreiche Araber besuchten sie jedes Jahr in den Sommermonaten. Sie schlugen ihre Zelte auf, pflegten ihre Sitten und Bräuche und die Pilger enthielten sich vom Geschlechtsverkehr. Der seinerzeit von Abraham ausgegrabene Brunnen war mit Votivgaben verstopft und somit unbrauchbar geworden. Der Kaiser, der erfuhr, dass die Araber dort Tiere opferten, gebot den palästinensischen Bischöfen, dies zu unterbinden, die Opferaltare und Idole niederreißen- und an dieser Stelle eine Kirche errichten zu lassen. Nagel, der zwischen den Informationen von Jakob von Edessa und Sozomenos eine Verbindung herstellt, entwickelt die These, dass die Kaʿba in Mekka nach dem Abriss dieser heiligen Stätte bei al-Ḫalīl errichtet worden sein könnte. Da die Quellen keine weiteren Informationen enthalten, führt er diese Idee auch nicht weiter aus.

3.4. Der Einfluss des Zaid b. ʿAmr b. Nufail auf Muḥammad (صلعم) (S. 158-62)

Nagel geht ausführlich auf Religionen und Glaubensvorstellungen ein, die auf der Arabischen Halbinsel in vorislamischer Zeit verbreitet waren. Mit einigen von diesen knüpft er auch an Verse aus dem Koran an. Nagel ist der Auffassung, dass sich Muḥammad (صلعم) erst nach seiner Begegnung mit dem Hanīfen Zaid b. ʿAmr b. Nufail dem Ein-Gott-Glauben hinwandte. Um diesen Gedankengang nachzuweisen, geht er zunächst tiefgreifend auf das Hanīfentum sowie auf die Lebensgeschichten, das Gedankengut und die Gedichte einiger Hanīfen ein.

Die Quellen berichten, dass Zaid aus Mekka verbannt worden war und außerhalb der Stadtgrenzen ein erbärmliches Leben führte, weil er den Polytheismus offen abgelehnt hatte. Nagel meint, dass Muḥammad (صلعم) dadurch eine konkrete Vorstellung davon hatte, was ihm selbst widerfahren wäre, wenn er gleich zu Beginn der Offenbarung den Polytheismus bekämpft hätte. Nagel schreibt auch, dass die frühen Überlieferungen davon berichten, dass er mit der öffentlichen Verkündigung erst begann, nachdem eine gewisse Anzahl von Leuten sich ihm angeschlossen hatte.

Im weiteren Verlauf vergleicht Nagel ein Gedicht von Zaid b. ʿAmr, das in der Sīra von Ibn Hišām steht, mit der 79. Sure und weist auf die inhaltlichen Ähnlichkeiten und Unterschiede hin. Daraus schlussfolgert er, dass die Gedankengänge von Zaid und Muḥammad (صلعم) nahezu identisch waren.

Nach einer Überlieferung von Yūnus b. Bukair, die Ibn Isḥāq zitiert, war Zaid – nach Ansicht von Nagel – derjenige, der den Propheten auf den Glauben an einen einzigen Gott aufmerksam machte. Der Überlieferung nach traf Muḥammad (صلعم) den Hanīfen Zaid in der Nähe von Mekka, als er einst mit seinem Sklaven Zaid b. Ḥāriṯa auf dem Rückweg aus der Stadt aṭ-Ṭāif war. Muḥammad (صلعم) bot Zaid von seinem Proviant an. Zaid, der bemerkte, dass es sich dabei um für Götter geopfertes Fleisch handelte, lehnte diese Speise ab und teilte ihm mit, dass es falsch sei, Gottheiten anzubeten. Nagel findet diesen Gedankengang des Zaid in Sure 20/89 und Sure 26/72 reflektiert. Nach dieser Begegnung mit Zaid soll Muḥammad (صلعم) weder Idole verehrt noch ihnen Opfer dargereicht haben.

Auch an dieser Stelle holt Nagel wieder aus: Nach der klassisch islamischen Ansicht hat Muḥammad (صلعم) schon in sehr jungen Jahren davon abgesehen, den religiösen Lebensstil seiner Ahnen zu führen. Einige islamische Gelehrte meinen, dass er durch göttliche Fügung gänzlich davor geschützt wurde. Nach den Überlieferungen hingegen, die von der Brustöffnung berichten, wurde er bereits in jungen Jahren, und wiederum anderen Überlieferungen zufolge im fortgeschrittenen Alter von solch einem falschen Lebensstil geläutert. Nagel führt eben diese oben genannte Begegnung mit Zaid als Beweis dafür an, dass Muḥammad (صلعم) bis fast zu seiner Berufung als Prophet ein Leben wie jeder andere in der Stadt geführt hatte. Bei dem Proviant handelt es sich nämlich um für Gottheiten geweihtes Fleisch. Dass in der Überlieferung Muḥammads (صلعم) Sklave Zaid b. Ḥāriṯa mitgenannt wurde, unterstützt Nagels Vermutung. Er bekam ihn nämlich von Ḫadīǧa, nachdem er sie geheiratet hatte. (Nagel gibt allerdings auch an, dass eine andere Version dieser Überlieferung Zaid b. Ḥāriṯa nicht erwähnt.)

3.5. Die Beziehung des Propheten zu den sozial schwachen Gesellschaftsmitgliedern aus Mekka in den ersten Jahren der Offenbarung (S. 201-4)

Nagel ist der Meinung, dass die Dichtung und die religiösen Ansichten der Hanīfen nur für sie selbst von Bedeutung und bindend waren. Sie bemühten sich nicht, ihren Glauben zu verbreiten. Daher war es für die führenden Persönlichkeiten in Mekka leicht, sie unter Kontrolle zu halten. In der Verkündigung von Muḥammad (صلعم) soll es allerdings anders gewesen sein, so Nagel. Sie beinhaltete Kritik an alten Traditionen und es ging um Ideen einer neuen Gesellschaftsordnung. Dies zeigte Wirkung und erfuhr von einigen Leuten Anerkennung, nämlich nicht nur in-, sondern auch im Umkreis von Mekka. Die Verkündigung Muḥammads (صلعم) hatte  v. a.  mit der Machtfrage in Mekka zu tun.

Andererseits handelten – nach Nagel – die Clane im Stamm Quraiš, nachdem Muḥammad (صلعم) in die Öffentlichkeit getreten war, nicht geschlossen gegen ihn. Abū Ṭālib nahm das Ersuchen einiger Stammesmitglieder, Muḥammad (صلعم) zu töten, als eine Handlung wahr, die sich direkt gegen den eigenen Familienzweig, nämlich die Hāšimiten, richtete. Dass der Neffe Abū Ṭālibs, wie es einige aus dem Stamm Quraiš sahen, die Interessen der Stadt aufs Spiel setzte und daher aufgehalten, ja sogar zum Schweigen gebracht werden musste, sah er nicht ein. So kamen auch die Mitglieder der Familie Abū Ṭālibs seinem Aufruf nach, zusammenzukommen. Nur ʿAbd al-ʿUzzā b. ʿAbd al-Muṭṭalib, der Bruder von Abū Ṭālib enthielt sich dem. Während in Sure 111 ʿAbd al-ʿUzzā offen zu den Höllenbewohnern gerechnet wurde und Muḥammad (صلعم) – nach Nagel – damit Öl ins Feuer goss, bewirkte dieser wiederum, dass seine beiden Söhne ʿUṭba und ʿUṭaiba sich von Ruqaiya und Umm Kulṯūm, den Töchtern Muḥammads (صلعم), trennten. Dies zeigt, so Nagel, dass es sich in den Auseinandersetzungen zwischen Muḥammad und den führenden Persönlichkeiten in Mekka vielmehr um interne Rivalitäten innerhalb der Clane im Stamm handelte, die seit Jahrzehnten wirksam waren und langsam zu schwelen begannen.  

Nagel versucht hier deutlich zu machen, dass die Offenbarungen, die Muḥammad (صلعم) erhielt, für zwei voneinander unabhängige Entwicklungen sorgten: 1. Die seit Langem andauernden Stammesrivalitäten der Quraiš erlangten eine neue Dimension. 2. Die Inhalte der Offenbarung wurden von Angehörigen anderer Stämme oder von unter Schutz stehenden Personen anerkannt und verbreitet. Dies wiederum bewirkte eine eigene Dynamik.

Nach diesen Ausführungen geht Nagel auf Anhänger Muḥammads (صلعم) ein, die in der Gesellschaft einen schwachen sozialen Status hatten, bzw. Außenseiter waren. Worauf er hinaus möchte, ist, nachzuweisen, dass zwischen Muḥammad (صلعم) und diesen Leuten in Wirklichkeit keine nahe Beziehung bestand, wie es uns sonst die Überlieferungen mitteilen. Er ist der Ansicht, dass Muḥammad (صلعم) seine Botschaft in den ersten Jahren vor allem innerhalb der eigenen Familie zu festigen versuchte. Doch wie oben schon erwähnt, habe die Botschaft in der Gesellschaft eine Eigendynamik entwickelt.

Nagel versucht hier seine These am Beispiel des freigelassenen Sklaven Yāsīr und dessen Sohn ʿAmmār, die unter dem Schutz der Banū Maḫzūm standen, aufzuzeigen. Zu seiner Zeit wurde Yāsīr von seinem Herrn Abū Ḥuḏaifa b. al-Muġīra al-Maḫzūmī verheiratet. Nachdem dieser einen Sohn bekommen hatte, schenkte ihm sein Herr die Freiheit. Yāsīr ging hiernach mit dieser Familie ein Bündnis ein und fand dadurch Schutz in der mekkanischen Gesellschaft. Außerdem blieb er auch weiterhin im Haus seines ehemaligen Herrn wohnen. Erst nachdem sie sich dem Glauben Muḥammads (صلعم) angeschlossen hatten, wurden er und seine Familie gefoltert. Nagel meint, dass Muḥammad (صلعم) zu dieser Zeit noch nicht wusste, was er hieß, vom Status her zu den sozial schwachen zu gehören. Einmal, als er an Yāsīrs Familie vorbeiging, nachdem diese wieder gefoltert worden waren, soll er nur gesagt haben: "Haltet durch, Familie Yāsīrs! Im Paradies seht ihr euch wieder", und habe sich entfernt. Auch der Sklave Bilāl wurde von der Folter nicht von dem Propheten gerettet, so Nagel, sondern von Abū Bakr. Dieser hatte ihn mit einem anderen Sklaven getauscht. Durch diese und ähnliche Beispiele versucht Nagel seine Thesen zu unterstützen.

Ein weiteres Thema, das ich interessant fand und daher darauf eingehen möchte, ist die Ansicht Nagels, das Muḥammad (صلعم) an den Entwicklungen, die durch seine Botschaft außerhalb von Mekka in Gang gesetzt wurden, desinteressiert blieb. Nagel führt aus, dass eine Person namens aṭ-Ṭufail b. ʿAmr b. Ṭuraiṯ von den Banū Daus nach Mekka kam und sich, trotz der Ermahnungen einiger Quraiš, sich die Botschaft des Propheten anhörte. Davon beeindruckt gab er sich dem Glauben hin, kehrte zu seinem Stamm zurück und bewirkte, dass einige sich ihm anschlossen. Die Abwendung vom Polytheismus hatte allerdings für sie gleichzeitig zur Folge, dass sie außerhalb von Mekka keine Möglichkeit hatten, einen gemeinsamen Ritus durchzuführen, wie es an der Kaʿba für Muḥammad (صلعم) und seine Gefährten möglich war. Dies galt – nebenbei bemerkt – für alle, die außerhalb von Mekka wohnten. So blieben die Leute, die die Lehren des Propheten angenommen und damit die alte Ordnung aufgegeben hatten, in ihrem Alltag von den religiösen Riten fern, die an der Kaʿba durchgeführt wurden. Sie waren, was dies betrifft, sozusagen 'herrenlos'. Nagel meint, dass Muḥammad (صلعم) sich damals nicht darum bemüht hätte, um für diese Menschen einen gemeinsamen Gottesdienst einzuführen. Da auch die Quellen dazu schweigen, betrachtet Nagel Muḥammad (صلعم) nicht als einen Religionsstifter. Ganz im Gegenteil, laut Nagel hätte er es ab der mittelmekkanischen Periode sogar vermieden, den Bedürfnissen seiner Anhänger entsprechend zu handeln, und versucht, die Entwicklungen dahin gehend zu lenken, dass das Ansehen des Stammeszweiges der Hašim steigt und sie wieder zu Herrschern werden.

Nagel meint, dass Muḥammad (صلعم) sich damals nicht darum bemüht hätte, um für diese Menschen einen gemeinsamen Gottesdienst einzuführen. Da auch die Quellen dazu schweigen, betrachtet Nagel Muḥammad (صلعم) nicht als einen Religionsstifter. Ganz im Gegenteil, laut Nagel hätte er es ab der mittelmekkanischen Periode sogar vermieden, den Bedürfnissen seiner Anhänger entsprechend zu handeln, und versucht, die Entwicklungen dahin gehend zu lenken, dass das Ansehen des Stammeszweiges der Hašim steigt und sie wieder zu Herrschern werden. 

3.6. Die vom Propheten in Medina zusammengeführte Kriegstruppe (Ǧihād) (S. 298-314)

Nagel meint, dass die Auswanderung der Anhänger Muḥammads (صلعم) aus Mekka, ihn in eine prekäre Lage gebracht habe. Ihm sei dadurch schmerzlich bewusst geworden, dass er von seinem Ziel, den Kaabakult umzugestalten und dadurch die Macht an sich zu bringen, immer mehr entfernte. Dass er sich so sehr auf seine Sippe fixiert hatte, wurde für ihn verhängnisvoll. Daher habe er keine Möglichkeit mehr gehabt, als bei seinen in Medina ansässigen Anhängern Schutz zu suchen. So schreibt Nagel auf Seite 267 und führt aus, dass Muḥammad (صلعم) erst nach dem 2. Treffen bei Aqaba das Angebot der Medinenser, ihn zu schützen, akzeptiert habe.

Es ist bekannt, dass die Konstellation der Stämme in Medina ganz anders war als wie in Mekka. Muḥammad (صلعم) und die Auswanderer bildeten nun eine Gruppe und fingen nach Nagel an, als solche zu handeln. Die Stämme Aus und Ḫazraǧ hingegen fühlten sich zu Beginn nur dazu verpflichtet, den Propheten innerhalb der Stadtgrenzen von Medina zu schützen. Die Helfer (Anṣār) waren von den Übergriffen und Plünderungen der Auswanderer (Muhāǧirūn) auf mekkanische Karawanenzüge beunruhigt und sie nahmen an diesen Aktivitäten zunächst nicht teil. Aber Muḥammad (صلعم) hatte Mekka im Visier. Mit dessen Aufruf sich an einen gemeinsamen Glauben anzuschließen, wurden die Stämme Aus und Ḫazraǧ nahezu in die Auseinandersetzungen des Propheten mit den Mekkanern gedrängt. Denn die Bedingung für das Anschließen an einen gemeinsamen Glauben war, bei den Angriffen auf die Karawane mitzumachen. Auch waren die beiden Stämme durch diese Bedingung dazu gezwungen, am Krieg bei Badr teilzunehmen.

In den ersten Jahren in Medina erlebten Muḥammad (صلعم) und seine Gefährten ernsthafte Spannungen und Unruhen. Nagel ist der Ansicht, dass denjenigen, die sich davon zurückhielten, die Karawanenzüge anzugreifen oder sich am Krieg zu beteiligen und vor allem demgegenüber kritisch standen, Heuchelei unterstellt wurde. Da Muḥammad (صلعم) sich vollständig auf die Herrschaft in Mekka konzentriert hatte, konnte er Meinungsverschiedenheiten und Kritik nicht dulden. Einen Teil der Leute um sich brachte er durch die Beuteaufteilung zum Schweigen oder erwarb zumindest deren Gunst. Die Änderungen in der Verteilung der Kriegsbeute dienten nach Nagel ebenfalls diesem Zweck.

In der medinensischen Periode gab es noch weitere Neuordnungen, wie z. B. die Einrichtung einer Kriegstruppe, die nur aus den Muhāǧirūn bestand und ausschließlich unter Muḥammads (صلعم) Befehl diente. Dieser Einheit, welcher der Prophet großes Interesse und Achtung entgegenbrachte, wurde ein fester Lohn aus der Kriegsbeute zugewiesen. Für Nagel ist es offensichtlich, dass die Anṣār hierüber nicht erfreut waren. Er meint auch, dass der Prophet ohnehin zwischen diesen beiden Seiten immer unterschied. Die Unruhen zwischen den Anṣār und Muhāǧirūn spiegeln sich nach dem Autor u. a. in der Beuteaufteilung nach dem Feldzug gegen die Banū Muṣṭaliq und in der sogenannten Halsbandaffäre wider. Der Grund, warum Muḥammad (صلعم) nach der Eroberung von Mekka nicht dorthin zurückkehrte, waren eben diese Spannungen.

5. Schluss

Ausgehend von den hier gegebenen Beispielen ist die Tendenz dieser Biografie in etwa ersichtlich geworden. Wie schon zu Beginn erwähnt, begann Muḥammad (صلعم) laut Nagel spätestens ab der mittelmekkanischen Periode politisch zu handeln. Es entgeht nicht der Aufmerksamkeit, dass die Leistungen Muḥammads (صلعم) permanent negiert werden. Nagel relativiert sogar Koranverse, die die Praxis, Mädchen lebendig zu begraben, tadeln, oder solche, in denen sich der Koran für die Rechte der Armen, Halb- und Vollwaisen einsetzt. Stellenweise begibt er sich sogar in die Gedanken des Propheten und weiß, was der Prophet zu einem bestimmten Zeitpunkt geradezu gedacht hatte. Der Autor, der einen ausgesprochen rigiden Sprachstil verwendet, weiß mit nahezu absoluter Gewissheit, was in Wirklichkeit wie geschehen war.

Ausgehend von den hier gegebenen Beispielen ist die Tendenz dieser Biografie in etwa ersichtlich geworden. Wie schon zu Beginn erwähnt, begann Muḥammad (صلعم) laut Nagel spätestens ab der mittelmekkanischen Periode politisch zu handeln. Es entgeht nicht der Aufmerksamkeit, dass die Leistungen Muḥammads (صلعم) permanent negiert werden. Nagel relativiert sogar Koranverse, die die Praxis, Mädchen lebendig zu begraben, tadeln, oder solche, in denen sich der Koran für die Rechte der Armen, Halb- und Vollwaisen einsetzt. Stellenweise begibt er sich sogar in die Gedanken des Propheten und weiß, was der Prophet zu einem bestimmten Zeitpunkt geradezu gedacht hatte. Der Autor, der einen ausgesprochen rigiden Sprachstil verwendet, weiß mit nahezu absoluter Gewissheit, was in Wirklichkeit wie geschehen war.

Andererseits gibt die Quellenvielfalt des Buches, sowie die Art und Weise wie die Quellen zusammengesetzt und interpretiert werden, Anlass dafür, die Entstehungsgeschichte des Islam facettenreich vor Augen zu führen. Es wäre zu prüfen, inwieweit die von Nagel benutzten Quellen derartige Deutungen auch zulassen. Auf einem Symposium an der Universität Frankfurt im Jahre 2009 hat der deutsche Orientalist Gregor Schoeler einen Versuch hierzu unternommen. Sein Ergebnis war, dass Nagel sich nicht bis zu den frühsten Quellen durchgearbeitet hatte und nur jene Versionen der Überlieferungen Bedeutung beimaß, die seine Thesen zu unterstützen schienen, ohne dabei auf die Thematik zu achten. Es ist zu hoffen, dass ähnliche Arbeiten weiterhin vorgenommen werden.

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* Dr. Ayşe Başol (Goethe Universität Frankfurt a. M. / Deutschland)
Dieser Vortrag wurde in Istanbul am Zentrum für Islamische Studien auf dem Sīra Symposium – I: “Geschichtsschreibung zur Sīra”, zum Thema Auswirkungen der Sīra-Forschungen im Ausland, 15. – 17. Oktober 2010 in türkischer Sprache gehalten
Im Bezug auf die Umschrift wurde die Schreibweise der Autorin beibehalten. So steht z. B. nicht wie auf unserer Seite sonst gebräuchlich „Mohammed“, sondern Muhammad“, „Hadidscha“, sondern “Ḫadīǧa“, nicht „Muhadschirun“, sondern „Muhāǧirūn“ u. ä.
 

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