Im Koran steht, dass der Prophet ein Analphabet war. Wie kann es aber sein, dass der Prophet einer Religion deren erstes Gebot das Lesen ist und die Menschen zum Wissenserwerb auffordert, des Lesens und Schreibens unkundig war? Beantwortet von: Fatma Bayram – Theologin

 

In der Tat wird im Koran ganz deutlich dargelegt, dass der Prophet ein ummi (des Lesens und Schreibens unkundig) gewesen war. Neben dem Vers “Glaubt an Allah und an Seinen Gesandten, den Propheten, der des Lesens und Schreibens unkundig ist” (al-A’raf 7/158) steht im zweiten Vers der Sure Al-Dschum’a (62/2), dass nicht nur der Prophet, sondern auch die Quraischiten und die meisten Araber Analphabeten waren und im 48. Vers der Sure al-Ankabut (29/48) heißt es, der Prophet habe vor dem Koran kein Buch gelesen und keine Feder gehalten. In den Hadithsammlungen von al-Bukhari, al-Muslim, al-Nasai und Ahmad ibn Hanbal wird berichtet, dass die Mekkaner während des Hudaibiya-Friedensvertrages den Propheten aufforderten, den Titel “Muhammad der Gesandte Gottes” zu streichen und stattdessen “Muhammad der Sohn Abdullahs” hinzuschreiben. Ali, der Schreiber dieses Vertrages soll sich geweigert haben, diese Formel zu streichen, woraufhin der Prophet fragte, wo diese Formel stehen würde – da er den Text nicht lesen konnte – um den Titel schließlich selbst zu streichen. Im Bezug auf den Propheten bedeutet das Analphabetentum keinen Mangel oder Unvollkommenheit, sondern gilt als einer der größten Beweise seiner Prophetie. Aus diesem Grunde haben in der Vergangenheit viele, die seine Prophetie nicht akzeptierten, versucht zu beweisen, dass er doch lesen und schreiben konnte und auch vor Beginn der Offenbarung studiert habe.

 

Die Quraischiten kannten das gesamte Leben des Propheten. Sie wussten über jedes einzelne Detail seines Handelns, auch während seiner Reisen, Bescheid. Nach seiner Prophetie hat man ihn zwar als Hellseher, Narren oder Dichter beschimpft, aber keiner konnte behaupten, er hätte vorher studiert und somit den Koran möglicherweise selbst geschrieben. Die Juden in Medina hatten ihm manchmal Testfragen, die nur von einem Kundigen der Heiligen Schriften beantwortet werden konnten, gestellt und waren über die Antworten des Propheten ziemlich erstaunt.

Manche Historiker sind zwar der Meinung, er habe gegen Ende seines Lebens das Lesen und Schreiben gelernt, aber die Glaubwürdigkeit dieser Überlieferungen ist im Vergleich zu den mit sehr großer Vertrauenswürdigkeit überlieferten Berichten (mutavatir Hadith) über das Analphabetentum des Propheten eher schwach. Sein Analphabetentum ist der größte Beweis dafür, dass der Koran, den er vermittelt hat, aus einer göttlichen Quelle stammt. Außerdem hängt die Bildung einer Person nicht ausschließlich von deren Literalität ab. Genauso, wie nicht jeder Lese- und Schreibkundige ein Gelehrter sein kann, so braucht man auch nicht unbedingt lesen und schreiben zu können, um das göttliche Wissen zu erhalten. Diese Tatsache hat Gott in der Person seines Gesandten eindeutig gezeigt. 

Hinzu kommt, dass das arabische Alphabet, das wir heutzutage kennen, die jetzige Gestalt sehr lange nach dem Propheten erst zur Zeit der Umayyaden bekommen hat. Damals gab es weder die Vokalisationszeichen noch die Punktierung der Buchstaben. Die Schrift war noch nicht fortgeschritten. Die Lese- und Schreibfähigkeit war in der arabischen Gesellschaft, bis auf wenige Ausnahmen, kaum vorhanden.