Löst sich die „muslimische Familie“ auf?

22 Juni 0026

Die Behauptung, dass die Institution Familie in der heutigen Gesellschaft verfalle oder sich zunehmend auflöse, wird immer häufiger geäußert. Insbesondere aus islamischer bzw. muslimischer Perspektive werden entsprechende Kritiken in unterschiedlicher Form vorgebracht. Dabei zeigt sich jedoch, dass über die Ursachen und Folgen dieser Entwicklung kein allgemeiner Konsens besteht. Vor diesem Hintergrund sind wir der Frage nachgegangen, ob die sogenannte „muslimische Familie“ im Vergleich zu früher tatsächlich einen moralischen Verfall erlebt hat. Mahmut Hakkı Akın, Kasım Küçükalp, Necdet Subaşı, Fatma Bayram, Handan Yalvaç Arıcı, Banu Gürer und Betül Özel Çiçek teilten ihre Beobachtungen und Einschätzungen zu diesem wichtigen Thema mit uns.

 Der allgemeine moralische Zustand der Gesellschaft spiegelt sich auch in der Familie und den innerfamiliären Beziehungen wider. Zudem leben wir in einer Zeit, in der familien- und geschlechterkritische Positionen offen vertreten und auf zahlreichen Plattformen propagiert werden können. 

Prof. Dr. Mahmut Hakkı Akın: Der Wandel der Familie steht in direktem Zusammenhang mit dem allgemeinen gesellschaftlichen Wandel. Wir haben den Übergang von einer überwiegend ländlich geprägten Gesellschaft zu einer urbanen Gesellschaft vollzogen, in der heute sogar die Mehrheit der Menschen in Großstädten lebt. Damit haben sich auch die Rollen von Mann, Frau und Kind innerhalb der Familie verändert. Man kann sagen, dass diese Entwicklung die Entstehung von Individualismus begünstigt hat. Viele der Bindungen, die die Menschen früher zusammenhielten, haben sich inzwischen gewandelt. Dennoch können wir nicht behaupten, dass die Familie heute vollständig zerfallen sei. Die Vorstellung, früher sei alles besser gewesen, ist meist eine nostalgische Konstruktion aus der Perspektive der Gegenwart. Positive wie negative Beispiele gab es damals ebenso wie heute. Es gibt zweifellos Menschen, die sich dieses Wandels bewusst sind, Verantwortung und Aufgaben auf einer moralischen Grundlage teilen und auf dieser Basis eine Familie gründen. Gleichzeitig lässt sich beobachten, dass Scheidungen heute leichter vollzogen werden und die zunehmende Individualisierung dazu führt, dass die Bereitschaft, einander zu ertragen und Verständnis füreinander aufzubringen, abnimmt. Der allgemeine moralische Zustand der Gesellschaft spiegelt sich auch in der Familie und den innerfamiliären Beziehungen wider. Zudem leben wir in einer Zeit, in der familien- und geschlechterkritische Positionen offen vertreten und auf zahlreichen Plattformen propagiert werden können. Für Muslime ist die Familie eine Institution, die seit den ersten Eltern der Menschheit, Prophet Adam und Hawwa, besteht und der menschlichen Natur am besten entspricht. Deshalb gehört es zu den religiösen Überzeugungen von Muslimen, die Familie gegen familienfeindliche Propaganda zu verteidigen. Sich des gesellschaftlichen Wandels bewusst zu sein, die Familie auf einer moralischen Grundlage von Verantwortung und Pflichten zu definieren und die familiären Beziehungen entsprechend zu gestalten, ist trotz aller Herausforderungen auch heute noch möglich. Darauf sollte der eigentliche Fokus liegen.

 Die Auflösung der Familie in der modernen und gegenwärtigen Welt kann als Folge des Verlusts dieser Vorstellung von Ganzheit verstanden werden. Sie zeigt sich darin, dass das moderne Subjekt beziehungsweise Individuum, das weder auf transzendente noch auf göttliche Referenzen zurückgreift, seine eigene Natur absolut setzt und dadurch gewissermaßen ein narzisstisches Freiheitsverständnis übernimmt. 

Prof. Dr. Kasım Küçükalp: Man kann sagen, dass die gesamte Welt seit etwa drei Jahrhunderten zunehmend den Einflüssen einer Weltanschauung ausgesetzt ist, die gemeinhin als die moderne Weltanschauung bezeichnet wird und sich immer stärker globalisiert sowie radikalisiert hat. Meiner Ansicht nach stehen auch die im Rahmen dieser Befragung thematisierten Fragen in engem Zusammenhang mit diesem Prozess. Bevor jedoch eine positive oder negative Bewertung der daraus resultierenden Entwicklungen vorgenommen wird, sollte zunächst untersucht werden, wie diese Welt beziehungsweise diese Weltanschauung den Menschen in Bezug auf Sein, Werte und Sinn beeinflusst hat. Insbesondere die moderne Auffassung von Moral und Politik, die sich im Spannungsfeld der Ideale von Freiheit und Gleichheit entfaltet hat, verband sich mit dem modernen Verständnis von Individualität und Subjektivität. In Verbindung mit einer humanistischen Denkweise, die letztlich alles auf die menschliche Vernunft oder die menschliche Natur zurückführt, führte dies dazu, dass die Idee einer Ganzheit zerfiel, welche in der klassischen Welt die Grundlage von Gesellschaft und damit auch von Familie bildete.

Das im klassischen Weltbild vorherrschende Verständnis von Gerechtigkeit stand in engem Zusammenhang mit der Vorstellung von Ganzheit, die alles innerhalb der Ordnung des Seins auf einen bestimmten Zweck bezog. Auch der Mensch wurde nicht als ein sich selbst überlassenes Individuum verstanden, sondern als ein Wesen, das entsprechend seinem Schöpfungszweck in dieser Welt existiert und aufgrund seiner ontologischen Bestimmung diesem Zweck zu dienen hat. Dementsprechend war auch die Gesellschaft Teil dieses übergeordneten Zwecks, und alles, was die Gesellschaft ermöglichte – einschließlich der Familie –, besaß gleichsam eine Bedeutung, die mit einem normativen Ideal verbunden war. Der Mensch innerhalb der Gesellschaft betrachtete seine Verpflichtungen sowohl gegenüber Gott als auch gegenüber der Gemeinschaft nicht als Last, sondern vielmehr als notwendige Voraussetzungen, die ihm die Verwirklichung des eigentlichen Sinns seiner Existenz ermöglichten. Meines Erachtens kann auch die in der modernen und gegenwärtigen Welt zu beobachtende Auflösung der Familie als Folge des Verlusts eben dieser Vorstellung von Ganzheit verstanden werden. Sie zeigt sich darin, dass das moderne Subjekt beziehungsweise Individuum, das weder auf transzendente noch auf göttliche Referenzpunkte zurückgreift, seine eigene Natur absolut setzt und dadurch gewissermaßen ein narzisstisches Freiheitsverständnis übernimmt. Zwischen der Auflösung beziehungsweise dem Ende des Gesellschaftlichen und dem Ende der Familie lässt sich in grober Vereinfachung ein solcher Zusammenhang herstellen. Die Logik moderner Subjektivierung hat den Menschen von seinen höheren Zielen und Bestimmungen gelöst und zugleich, in dem Maße, in dem sie ihn individualisiert, ein Menschenbild hervorgebracht, das dem Ganzen gegenüber gleichgültig und hedonistisch ausgerichtet ist. 

 Jede der sozialen Medienplattformen verändert Beziehungsnetzwerke auf einer unmittelbar individuumszentrierten Grundlage. Dabei gehen von ihnen tiefgreifende Wirkungen aus, die unter anderem die Privatsphäre, Emotionalität, Isolation, den Wunsch nach Geheimhaltung, die Vielfalt der Kommunikationsformen sowie den Verlust persönlicher Nähe und Verbundenheit betreffen. 

Dr. Necdet Subaşı: Die islamische Vorstellung von Familie, die sich traditionell durch eine enge Verbindung zur Überlieferung und zugleich durch eine vorsichtige Offenheit gegenüber der Zukunft auszeichnet, ist heute erheblichen Eingriffen und Veränderungen ausgesetzt. Die Kernfamilie hat inzwischen eine starke Anziehungskraft entwickelt. Nach langjährigen Diskussionen scheint sich die Präferenz für das Individuum innerhalb der Gesellschaft und für die atomisierte Familie innerhalb des sozialen Umfelds mittlerweile als eine neue Form des Gleichgewichts etabliert zu haben. 

Die Struktur der sozialen Medien, deren grundlegende Dynamik auf die Transformation alles dessen ausgerichtet ist, womit sie in Berührung kommen, hat sämtliche Kräfte mobilisiert, die den Menschen und die Gesellschaft – allen voran die Familie – zu schützen versuchen. Weniger die Möglichkeiten und Vorteile sozialer Medien als vielmehr die von ihnen verursachten Schäden, Erschütterungen und die Zerstörung emotionaler Grundlagen stehen heute im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Die Debatten, die bereits zu Beginn der 1970er Jahre aufkamen, als das Fernsehen zu einem weit verbreiteten Medium wurde, haben sich inzwischen weiter ausdifferenziert und nehmen nach wie vor einen zentralen Platz in der öffentlichen Diskussion ein. Jede der sozialen Medienplattformen verändert Beziehungsnetzwerke auf einer unmittelbar individuumszentrierten Grundlage. Dabei gehen von ihnen tiefgreifende Wirkungen aus, die unter anderem die Privatsphäre, Emotionalität, Isolation, den Wunsch nach Geheimhaltung, die Vielfalt der Kommunikationsformen sowie den Verlust persönlicher Nähe und Verbundenheit betreffen. Über soziale Medien kann eine Person innerhalb kürzester Zeit mit Menschen auf der anderen Seite der Welt in Kontakt treten und Teil globaler Kommunikationsströme werden. Nicht selten versucht sie auch, fehlende zwischenmenschliche Nähe oder emotionale Verluste über diese Plattformen zu kompensieren.

Schließlich ist festzustellen, dass die traditionell religiös geprägten Familienstrukturen zunehmend einer kritischen Analyse unterzogen werden. Dazu gehören die Neubewertung von Traditionen, eine mittlerweile faktisch spürbare religiöse Ermüdung sowie die erneute Betrachtung eines Existenzanspruchs, der Schwierigkeiten hat, mit den Anforderungen des modernen Lebens Schritt zu halten. Es ist durchaus möglich, von einem Verlust zu sprechen. Es gibt zahlreiche Hinweise darauf, dass sich die Institution Familie nicht mehr auf den vertrauten und gewohnten Bahnen entwickelt. Gleichzeitig bedarf die gegenwärtige Situation einer sorgfältigen und differenzierten Analyse. Mit einer neuen Perspektive, die die aktuellen Entwicklungen ernst nimmt, müssen wir sowohl die überlieferten Wissensbestände und Erfahrungen als auch die Erwartungen, die unseren Horizont prägen, gemeinsam neu betrachten und diskutieren.

Das Thema Familie wird heute weniger unter dem Gesichtspunkt einer bestimmten Methode, Methodologie oder historischen Wirklichkeit behandelt; vielmehr wird es als Teil der gegenwärtigen Dynamik vor allem in Form konsumierbaren Wissens thematisiert. Heute sind wir alle mit den idealen Modellen unmittelbar vertraut. Dennoch müssen wir uns auch mit weiteren Fragen auseinandersetzen und uns einer gründlicheren Selbstprüfung unterziehen, um uns der Wirklichkeit im Spiegel der Realität stellen zu können.

 Es erscheint kaum angemessen, die Familien, die von Menschen gegründet werden, die ihr Handeln nahezu nie mit einer metaphysischen Dimension in Verbindung bringen, ihr Verständnis von Glück auf diese Welt beschränken und nicht bereit sind, gegenwärtige Lust zugunsten einer jenseitigen Belohnung aufzuschieben, als „muslimische Familien“ zu bezeichnen. 

Fatma Bayram: Wir wissen, dass familiäre Bindungen und die Bereitschaft, durch die Ehe eine Familie zu gründen, insbesondere in der westlichen Welt zunehmend schwächer werden. Erstmals in ihrer Geschichte hat dort der Anteil der Menschen, die ohne Eheschließung zusammenleben, den Anteil derjenigen übertroffen, die durch eine Ehe eine Familie gründen. Eine westlich geprägte Wahrnehmung der Welt führt dazu, dass wir unsere Probleme vor allem durch die Brille des Westens betrachten und definieren, ohne die afrikanischen sowie die mittel- und ostasiatischen Gesellschaften, in denen der Großteil der Weltbevölkerung lebt, ausreichend zu berücksichtigen. Ungeachtet dieses Vorbehalts stehen wir vor der Tatsache, dass mit der abnehmenden Bindung an Grund und Boden die Großfamilie zur Kernfamilie geworden ist und sich inzwischen auch die Bindungen innerhalb der Kernfamilie zunehmend lockern. In einer Zeit, in der erstmals in der Weltgeschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land leben, war dieser Prozess nahezu unvermeidlich. Zukunftsforscher gehen davon aus, dass auch die Stadtbevölkerung zunehmend enteignet und atomisiert werden wird und dass Menschen künftig eher in den Wohnanlagen von Unternehmen als in Familienhaushalten leben möchten. Der ungezügelte Kapitalismus nimmt dem Menschen selbst seinen letzten Zufluchtsort und lässt ihn vereinsamt sich selbst gegenüberstehen.

Ich halte es nicht für sinnvoll, die historische, soziale und wirtschaftliche Dimension dieser Frage auszublenden und sie ausschließlich mit spirituellen Ursachen erklären zu wollen, nur weil von mir eine religiöse Perspektive erwartet wird. Betrachtet man das Zusammenspiel von Moral sowie sozialen und ökonomischen Bedingungen, wird deutlich, wie irreführend es wäre, diese als voneinander unabhängige Phänomene zu behandeln. Auch die rasche Individualisierung und Verweltlichung vieler Muslime beschleunigt diesen Auflösungsprozess. Es erscheint kaum angemessen, die Familien, die von Menschen gegründet werden, die ihr Handeln nahezu nie mit einer metaphysischen Dimension in Verbindung bringen, ihr Verständnis von Glück auf diese Welt beschränken und nicht bereit sind, gegenwärtige Lust zugunsten einer jenseitigen Belohnung aufzuschieben, als „muslimische Familien“ zu bezeichnen. Was ich damit sagen möchte, ist Folgendes: Eine muslimische Familie wird von Menschen gegründet, die in ihrem Denken, ihrer Lebensführung und ihrer Moral muslimisch sind. Wie wir dem Leben des Propheten (sav) entnehmen können, kann auch eine solche Familie Krisen erleben und sogar auseinanderbrechen. Entscheidend ist jedoch, auch diesen Prozess unter Berücksichtigung der Verantwortung gegenüber dem Jenseits zu bewältigen. Aus dieser Perspektive betrachtet liegt das eigentliche Problem darin, dass Beziehungen nicht auf den Prinzipien von Gerechtigkeit, Fairness und gegenseitigem Respekt geführt werden.

 Infolge der Transformation kollektiver Lebenserfahrungen hin zu einer individualistischen Lebensweise tritt der Begriff der Familie heute in unterschiedlichen Formen in Erscheinung. In einer Welt, in der Simulationen zunehmend die Wirklichkeit ersetzen, wird Familie inzwischen als eine Art virtuelle Gemeinschaft dargestellt.  

Doz. Dr. Handan Yalvaç Arıcı: Strömungen wie Modernismus, Postmodernismus und Kapitalismus sowie die Möglichkeiten, die Technologie und Digitalisierung bieten, prägen das Menschenbild des neuen Zeitalters. Es entsteht eine Welt, die als Produkt des postmodernen Denkens auf ein Leben im Augenblick, die Befriedigung von Bedürfnissen und die Maximierung von Lust und Genuss ausgerichtet ist. Es zeigt sich, dass aufmerksamkeitsstarke Bilder, Videos, Fernsehserien, Influencer und YouTuber in den klassischen, wie auch in den sozialen Medien maßgeblich dazu beitragen, den Konsum auf die Spitze zu treiben. In einer Welt, in der die Unterscheidung zwischen Bedürfnissen und Luxusgütern zunehmend schwerfällt, leben manche Menschen nach dem Paradigma grenzenlosen Konsums, während andere unterhalb der Armutsgrenze einen Kampf ums Überleben führen. Die täglich neu auf den Markt gebrachten Produktversionen zwingen die Menschen dazu, im Schatten eines konsumorientierten, fordistischen Verständnisses zu leben. So bevorzugen Individuen zunehmend nur noch kurzfristige Beziehungen zu den Gegenständen, die sie besitzen. 

Die für das postmoderne Denken charakteristischen Prinzipien des „Anything goes“, das alles für zulässig erklärt, sowie die Wegwerfmentalität schwächen die Beziehung des Menschen zur Wirklichkeit und zu seiner Umwelt. Die Menschen entfremden sich sogar ihrem eigenen Körper. Aus einer narzisstischen Haltung heraus können viele nicht einmal die kleinste Unvollkommenheit an sich akzeptieren und entwickeln aufgrund der in sozialen Medien und Fernsehserien vermittelten Schönheitsideale Unzufriedenheit mit ihrem eigenen Körperbild. Zahlreiche Strömungen sowie die in der digitalen Welt propagierten luxuriösen Lebensstile beeinflussen auch die Familie. Infolge der Transformation kollektiver Lebenserfahrungen hin zu einer individualistischen Lebensweise tritt der Begriff der Familie heute in unterschiedlichen Formen in Erscheinung. In einer Welt, in der Simulationen zunehmend die Wirklichkeit ersetzen, wird Familie inzwischen als eine Art virtuelle Gemeinschaft dargestellt. Elternschaft wird als eine Institution präsentiert, die bei Kindern Traumata verursacht und für jede Schwierigkeit verantwortlich gemacht wird, die Kinder erleben. Dadurch sind immer weniger Menschen bereit, Verantwortung für Kinder zu übernehmen. Faktoren wie die Veränderung der Verantwortungsstrukturen innerhalb der Familie, der Wandel der Rollen von Eltern und Kindern, die öffentliche Preisgabe familiärer Privatsphäre durch digitale Medien sowie die Darstellung der Familie als Gegenmodell zur Freiheit durch familienkritische Organisationen wirken sich negativ auf die Familienmitglieder aus. In der globalisierten Welt bleiben auch muslimische Familien von diesen negativen Entwicklungen nicht verschont. Wie die Welt insgesamt säkularer wird, bewegt sich auch die muslimische Familienstruktur zunehmend auf einen säkularen Boden zu. Infolgedessen verwandelt sich der Prototyp der muslimischen Familie unter dem Einfluss der neuen Paradigmen der Moderne und der Digitalisierung zunehmend in einen säkularen Familientyp. In diesem Familienmodell repräsentieren die Mitglieder nicht mehr die Familie als Einheit, sondern verstehen sich als individualisierte Individuen und vertreten vor allem sich selbst. Es bedarf dringend neuer Anstrengungen, das prophetische Familienmodell wieder in der islamischen Welt zu verankern. Dort, wo die Familie zerfällt, werden dem Menschen Frieden und Sicherheit unter den Füßen weggezogen.

 Ich bin der Auffassung, dass die Thematik nicht unmittelbar auf einen moralischen Verfall reduziert werden sollte. Vielmehr sollte sie zunächst als die Herausforderung verstanden werden, moralische Prinzipien für veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu entwickeln. Eine solche Perspektive kann die Bemühungen unterstützen, den familienbezogenen Sorgen und Bedenken zu begegnen. 

Prof. Dr. Banu Gürer: Die Familie gehört zu den grundlegenden Institutionen, die von den gesellschaftlichen Veränderungen betroffen sind, die parallel zu den Entwicklungen in der Welt auch in unserer Gesellschaft stattfinden. Insbesondere die Veränderung von Produktionsformen und gesellschaftlichen Rollen im Zuge der Industrialisierung, die Zunahme von Migration und Urbanisierung sowie die durch technologische Entwicklungen bedingten Veränderungen der Kommunikationsformen und die erweiterten Möglichkeiten des Informationszugangs zählen zu den wichtigsten Faktoren, die – wie weltweit – auch in unserer Gesellschaft zu Veränderungen der Familienstruktur geführt haben. Infolge dieser Entwicklungen zeigt sich, dass die traditionelle Familienstruktur in vielen Bereichen einen Wandel durchläuft: von den Formen und Methoden der Eheschließung über die Stellung und die Rollen von Frau und Mann innerhalb der Familie bis hin zu Verwandtschaftsbeziehungen und der Kindererziehung. Zugleich wird deutlich, dass Schwierigkeiten entstehen, sich an diese Veränderungen anzupassen.

Betrachtet man diesen Wandel im Rahmen des Begriffs der „muslimischen Familie“, so erscheint es mir verkürzend, ihn pauschal und unmittelbar als moralischen Verfall zu charakterisieren. Meiner Ansicht nach besteht eine der zentralen Dimensionen dieser Problematik vielmehr in den Herausforderungen, traditionelle, religiös begründete Wissensbestände und Wertvorstellungen mit den Anforderungen gesellschaftlicher Veränderungen in Einklang zu bringen. Ein besonders anschauliches Beispiel hierfür findet sich in einigen negativen Bewertungen der Erwerbstätigkeit von Frauen. Diesen Auffassungen zufolge gehört der Eintritt der Frau in das Berufsleben zu den Hauptursachen der Probleme, mit denen muslimische Familien heute konfrontiert sind. Gleichzeitig ist jedoch unbestreitbar, dass unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen und produktionsbezogenen Bedingungen in vielen Familien sowohl die Erwerbstätigkeit des Mannes als auch die der Frau zu einer allgemeinen Notwendigkeit geworden ist. Tatsächlich lässt sich beobachten, dass viele religiös orientierte junge Menschen bereits bei der Planung ihrer zukünftigen Ehegemeinschaft die Berufstätigkeit der Frau befürworten. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie die innerhalb der traditionellen Familienstruktur festgelegten Rollen von Frau und Mann unter den Bedingungen der Gegenwart erfüllt und neu gestaltet werden können.

Berücksichtigt man, dass die Wahrnehmung von Rechten eng mit der Erfüllung von Pflichten verbunden ist, so bin ich der Auffassung, dass die Veränderungen in den Aufgaben und Verantwortlichkeiten von Frau und Mann im Vergleich zur traditionellen Familienstruktur berücksichtigt und die Verteilung von Rechten entsprechend neu reflektiert werden sollte. Dies könnte einen wichtigen Schritt zur Lösung einiger Probleme darstellen, die gegenwärtig die Institution Familie betreffen. Tatsächlich lässt sich sagen, dass ein solcher Ansatz auch im Einklang mit dem islamischen Gerechtigkeitsprinzip steht und aus dessen Perspektive notwendig erscheint. Darüber hinaus ist zu beobachten, dass die genannten Veränderungen auch die familiäre Erziehung beeinflussen und die Formen der Kommunikation mit Kindern verändern. Infolgedessen stellt die Kindererziehung innerhalb des Konzepts der muslimischen Familie ein eigenes Problemfeld dar. Auch in diesem Zusammenhang halte ich es für problematisch, die Entwicklungen unmittelbar als Ausdruck eines moralischen Verfalls zu deuten. Vielmehr lässt sich argumentieren, dass auch hier zunächst eine Anpassungsschwierigkeit an gesellschaftliche Veränderungen zugrunde liegt. So beeinflussen beispielsweise die heutigen Kommunikationsmöglichkeiten sowohl die Fragen, die Kinder stellen, als auch das Alter, in dem sie diese Fragen entwickeln. Neben den Anforderungen des Berufslebens veranlasst dies viele Eltern dazu, bei der Erziehung ihrer Kinder institutionelle Unterstützung in Anspruch zu nehmen. Mit der zunehmenden Bedeutung solcher Unterstützungsangebote verändert sich zugleich der Einfluss der familiären Erziehung auf das Kind. Diese Entwicklung ist auch im Hinblick auf die religiöse Erziehung von besonderer Bedeutung. An dieser Stelle gilt es, zwischen der Inanspruchnahme institutioneller Unterstützung und der vollständigen Übertragung von Erziehungsaufgaben an Institutionen zu unterscheiden. Denn die Familie erfüllt psycho-soziale Funktionen, die selbst die beste Institution kaum ersetzen kann. Gerade im Bereich der religiösen und wertebezogenen Erziehung ist die Wahrnehmung dieser Funktionen von zentraler Bedeutung.

Trotz aller virtuellen Einflüsse ist es daher notwendig, dass Eltern die direkte Kommunikation mit ihren Kindern aufrechterhalten, mit ihnen im Gespräch bleiben und ihnen das Gefühl vermitteln, dass sie sich jederzeit an ihre Eltern wenden können. Dies stellt eine wesentliche Voraussetzung dafür dar, mit den genannten Veränderungen konstruktiv umgehen zu können. Damit dies gelingt, müssen Kinder Vertrauen darauf haben, von ihren Eltern angemessene Antworten auf ihre Fragen und Probleme zu erhalten. Es lässt sich sagen, dass Schwierigkeiten in diesen Bereichen den Boden für moralische Probleme bereiten können. Daher bin ich der Auffassung, dass die Thematik nicht unmittelbar auf einen moralischen Verfall reduziert werden sollte. Vielmehr sollte sie zunächst als die Herausforderung verstanden werden, moralische Prinzipien für veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen zu entwickeln. Eine solche Perspektive kann die Bemühungen unterstützen, den familienbezogenen Sorgen und Bedenken zu begegnen.

 Niemand wird seiner Verantwortung für die Gründung und das gesunde Fortbestehen der Familie dadurch enthoben, dass er andere anklagt, beschuldigt, diffamiert oder sich beschwert. Anstatt andere verantwortlich zu machen, sollten wir vielmehr zunächst uns selbst gegenüber Rechenschaft darüber ablegen können, was jeder Einzelne von uns zum gesunden Fortbestand der Familie beiträgt. 

Dr. Betül Özel Çiçek: Um diese notwendigen und wichtigen Fragen beantworten zu können, muss zunächst die Frage gestellt werden: „Welche Familie war eigentlich die muslimische Familie?“ Was genau meinen wir, wenn wir von einer muslimischen Familie sprechen? Ist eine muslimische Familie einfach die Bezeichnung für eine Struktur, die dadurch entsteht, dass sich Personen, die sich selbst als Muslime verstehen, in einer muslimischen Gesellschaft durch die Ehe zusammenschließen? In welchem Maße ist unsere moderne Familienstruktur tatsächlich von uns selbst geprägt, und in welchem Maße entspricht sie dem Wesen unserer Werte? Haben wir überhaupt das Recht, die gegenwärtige Struktur als muslimische Familie zu bezeichnen? Ich denke, dass eine ehrliche Auseinandersetzung mit diesen Fragen uns dabei helfen wird, die als Zerfall der Familie wahrgenommenen Symptome besser zu verstehen. Denn mittlerweile können wir wohl deutlich erkennen, dass die Bezeichnung einer Familienstruktur als „muslimische Familie“ allein deshalb, weil ihre Mitglieder Muslime sind, zahlreiche Probleme mit sich bringt, wenn diese Struktur in Wirklichkeit zur Aufrechterhaltung der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung geformt wurde. Daher könnten wir argumentieren, dass es eine besonders subtile Form der Selbsttäuschung ist, unsere Vorstellung von Familie als eine Struktur zu betrachten, die sich von der Vergangenheit bis in die Gegenwart ununterbrochen fortgesetzt habe und erst auf ihrem Weg durch äußere Angriffe beschädigt oder aufgelöst worden sei.

Es ist notwendig, nicht zu übersehen, dass viele der Zustände, die wir als Beeinträchtigung oder Verfälschung des Familienbegriffs wahrnehmen, in Wirklichkeit aus der Natur einer Familienstruktur hervorgehen, die für die Fortführung des bestehenden Systems entworfen wurde. Hinzu kommt, dass wir bisweilen Menschen begegnen, die glauben, ihrer Verantwortung für den Erhalt der Familie bereits dadurch nachzukommen, dass sie lautstark beklagen, die Familie sei zerstört worden, oder bestimmte Personen und Institutionen beschuldigen. Doch niemand wird seiner Verantwortung für die Gründung und das gesunde Fortbestehen der Familie dadurch enthoben, dass er andere anklagt, beschuldigt, diffamiert oder sich beschwert. Anstatt andere verantwortlich zu machen, sollten wir vielmehr zunächst uns selbst gegenüber Rechenschaft darüber ablegen können, was jeder Einzelne von uns zum gesunden Fortbestand der Familie beiträgt.

Daraus ergibt sich für uns als Muslime zunächst die Aufgabe, uns unserer Pflichten und Verantwortlichkeiten im Bewusstsein unserer Dienerschaft gegenüber Gott bewusst zu werden. Anschließend müssen wir uns als einzelne Muslime der Realität jener Aufgaben und Verantwortlichkeiten stellen, die Allah und Sein Gesandter innerhalb der von ihnen gewollten Familienordnung für uns vorgesehen haben. Was bedeutet es für einen muslimischen Mann, Ehemann und Vater zu sein? Auf welche Weise blendet ihn das gegenwärtige System, indem es ihm Bequemlichkeit und Komfortzonen anbietet, die ihn von seinen Verantwortlichkeiten ablenken? Was bedeutet es für eine muslimische Frau, Ehefrau und Mutter zu sein? Wie kann sie Mutterschaft und Ehe verwirklichen, ohne sich den notwendigen Auseinandersetzungen mit ihrer eigenen Existenz zu stellen und ohne zu einer wahrhaft eigenständigen Persönlichkeit geworden zu sein? Erst wenn diese Fragen aufrichtig beantwortet werden, wenn man sich – bildlich gesprochen – dem Feuer der Prüfung aussetzt und mit dieser Absicht und Entschlossenheit handelt, kann die Gemeinschaft von Menschen, die sich auf dieser Grundlage zusammenschließen, als eine muslimische Familie bezeichnet werden.