32 - Das Hudaybiya-Abkommen

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32 - Das Hudaybiya-Abkommen

Der Prophet und die Muhadschir vermissten ihre Heimat, die sie fünf Jahre zuvor verlassen hatten, um ihre Religion zu verteidigen und ihr eigenes Leben zu retten. Gleichzeitig sehnten sie sich nach dem Besuch der Kaaba, die, wie es verschiedene Ayat belegen, der Schrein der auf dem Glauben des Tawhid basierenden göttlichen Religion war. Als der Prophet schließlich davon träumte, er umkreise die Kaaba, entschied er sich, nach Mekka al-Mukarrama (Mekka die Heilige) zu reisen und die Umra zu vollziehen. Er befahl seinen Gefährten, sich auf die Umra vorzubereiten. Er ließ Abdullah b. Umm als stellvertretenden Vorbeter zurück und Numayla b. Abdullah al-Laysi sollte vorübergehend verantwortlich für die Verwaltung der Stadt sein. Nachdem die Vorbereitungen getroffen waren, begann er am 6. Dhu al-Qa'da (März 628), in Begleitung von 1.400-1.500 Gefährten, seine Reise von Medina nach Mekka. Die Muslime hatten die Absicht, die Umra zu vollziehen, und siebzig Opferkamele mitgenommen; und da sie in Frieden gingen, hatten sie keine Kriegsausrüstung, sondern nur Schwerter, die für Reisende bestimmt waren, dabei. Der Prophet und seine Begleiter übernachteten in Hudaybiya, 17 km entfernt von Mekka. Die Quraisch, die wussten, dass die Muslime mit friedlichen Absichten kamen und nur die Kaaba besuchen wollten, schickten trotzdem einen aus 200 Mann bestehenden, von Khalid b. Walid geführten Reitertrupp in die Region. Daraufhin schickte der Prophet Hirasch b. Umayya als Boten zu den Quraisch, damit dieser erklären konnte, weshalb sie gekommen waren. Doch der Bote wurde schlecht empfangen und wurde beinahe umgebracht. Also schickte der Prophet diesmal Uthman, der viele Verwandte unter den Quraisch hatte, darunter Abu Sufyan. Uthman, der sich in Mekka unter der Obhut von Aban b. Said b. As befand, verkündete, dass sie keine kriegerische Absichten hätten, sondern nur die Umra vollziehen wollten. Die Quraisch antworteten, dass sie dies den Muslimen nicht erlauben würden, doch dass er, Uthman, die Kaaba umwandeln dürfe, falls er dies wolle. "Bevor der Prophet sie umwandelt hat, tu ich es auf keinen Fall" sagte Uthman und wurde daraufhin verhaftet. Fälschlicherweise wurde dem Propheten gesagt, dass Uthman umgebracht worden sei. Diese Nachricht bekümmerte ihn sehr und seine Gefährten schworen ihm den Treueschwur (Bay'a) und versicherten, dass sie bis zum letzten Tropfen ihres Blutes gegen die Muschriq kämpfen würden. Wie es in der Sure al-Fath steht (al-Fath 48/18), wurde dieser Bay'a auch Bay'at al-ridwan (der Bay'a der von Allah gutgeheißen wurde) oder Bay'at al-schadschara (weil er unter einen Samura genannten Wüstenbaum vollzogen wurde) genannt und die Gefährten, die daran teilnahmen, nannte man Ashab al-schadschara (die, die unter dem Baum ihre Treue schworen). Die Quraisch gerieten in Panik, als sie erfuhren, wie treu die Muslime dem Propheten ergeben waren, und dass sie voller Entschlossenheit bereit waren, auf seinen Befehl hin bis zu ihrem Tod zu kämpfen. Um Frieden zu schließen, ließen sie zuerst Uthman frei und schickten eine von Suhayl b. Amr geleitete Delegation zum Propheten. Nach den Verhandlungen wurde das von Ali verfasste Friedensabkommen vom Propheten und Suhayl b. Amr unterschrieben. Seitens der Muslime waren es Abu Bakr, Umar, Uthman, Abdurrahman b. Awf, Sa‘d b. Abu Wakkas, Abu Ubayda b. Dscharrah und Mohammed b. Maslama und seitens der Muschriq; Mikraz b. Hafs, der Suhayl b. Amr begleitet hatte und Huwaytib b. Abduluzza, welche Zeugen des Abkommens waren. Nach diesem Abkommen, durch das viele Wünsche der Quraisch in Erfüllung gingen, sollten die Muslime in jenem Jahr nach Medina zurückkehren,, ohne Mekka zu betreten, doch es war ihnen erlaubt, im nächsten Jahr für die Umra zu kommen und drei Tage in der Stadt zu verbringen. Falls ein Bewohner Mekkas nach Medina fliehen sollte, würde er zurückgegeben, doch falls jemand aus Medina nach Mekka fliehen sollte, würde dies nicht der Fall sein. Der Frieden sollte zehn Jahre dauern; falls eine dieser beiden Seiten in einen Krieg mit einem anderen Stamm geraten sollte, würde die andere Seite sich nicht einmischen, während beide Seiten ihre eigenen Gebiete für die Handelskarawanen, den Hadsch und die Umra sichern würden. Andere arabische Stämme durften sich mit einer beliebigen Seite verbünden und auch diese müssten den Regelungen dieses Vertrages folgen. Die Gefährten, vor allem Umar, reagierten auf dieses Abkommen, das auf den ersten Blick aussah, als wäre es nur zugunsten der Quraisch, wenig erfreut; doch als der Prophet sagte, dass er die Bedingungen akzeptierte, äußerten alle ihr Einverständnis. Der Prophet und seine Gefährten, die zwölf oder zwanzig Tage in Hudaybiya verbrachten, schlachteten ihre mitgebrachten Opfertiere, da sie der Umra wegen gekommen waren, traten aus dem Ihram (Weihezustand während der Hadsch und Umra)  hiermit aus und kehrten nach Mekka zurück.

Der Prophet respektierte die Bedingungen des Abkommens mit Sorgfalt. Das beste Beispiel für seine genaue Respektierung des Abkommens ist sein Verhalten bei den Geschehnissen um Abu Dschandal: Abu Dschandal, der Sohn von Suhayl b. Amr, wurde von seinem Vater in Ketten gelegt und schon seit Jahren gefangen gehalten, weil er den Islam angenommen hatte. Als in Hudaybiya verhandelt und der Text des Abkommens verfasst wurde, floh er aus Mekka, seine Ketten hinterher schleppend, bis nach Hudaybiya und nahm Zuflucht bei den Muslimen. Obwohl der Prophet darauf hinwies, dass das Abkommen noch nicht unterschrieben war, als Suhayl b. Amr seinen Sohn zurückforderte, sagte Suhayl, dass er es nicht eher unterschreibe, bis man ihm sein Sohn zurückgebe. Daraufhin war der Prophet gezwungen, Abu Dschandal zurückzugeben. Dass Suhayl vor den Augen der Muslime seinen Sohn hinter sich herschleppte, konnten die Muslime sehr schwer ertragen, obwohl er versprochen hatte, dass er ihn nicht foltern würde. Man erinnerte sich an dieses traurige Geschehen als "Yawm Abi Dschandal" (Tag des Abu Dschandal). Als der Prophet zwei Frauen, die bei ihm Zuflucht genommen hatten, nicht zurückgab und darauf verwies, dass das Abkommen sich nur auf männliche Immigranten bezog, waren die Quraisch gezwungen, dies zu akzeptieren. Nachdem der Prophet nach Medina zurückgekehrt war, flüchtete Abu Basir, der von den Muschriq in Mekka gefangen gehalten wurde, weil er Muslim war, nach Medina und nahm bei den Muslimen Zuflucht. Die Quraisch schickten zwei Wächter, die Abu Basir, dem Vertrag gemäß, zurückforderten. Obwohl Abu Basir sich dagegen wehrte, ausgeliefert zu werden, war der Prophet auch diesmal gezwungen, ihn zurückzugeben. Er sagte, dass Allah ihm und den hilflosen Muslimen die sich in derselben Situation befanden, einen Ausweg zeigen würde und empfahl ihnen, geduldig zu sein. Unterwegs schaffte es Abu Basir, den Wächtern zu entfliehen und kehrte zurück nach Medina. Doch da er fürchtete, wieder an die Quraisch ausgeliefert zu werden, verließ er Medina und siedelte in der Gegend namens Is oder Sif al-Bahr, die sich auf der Mekka-Syrien-Handelsroute befand. Andere Muslime, die aus Mekka flüchteten, sich aber nicht trauten, nach Medina zu gehen, allen voran Abu Dschandal, gesellten sich zu ihm. Diese Muslime, deren Anzahl ständig wuchs und später siebzig oder dreihundert betrug, fingen an, eine Bedrohung für die Karawanen der Quraisch darzustellen. Daraufhin forderten die Quraisch, dass man die Bedingung aufhob, die besagte, dass Bewohner Mekkas, die den Islam annahmen und nach Medina flüchteten, zurückgegeben werden mussten. Der Prophet schrieb einen Brief an Abu Basir und seine Freunde und befahl ihnen, nach Medina zu kommen. Doch als ihn der Brief erreichte, lag Abu Basir im Sterben und kurz darauf starb er. Abu Dschandal und seine Freunde beerdigten Abu Basir und neben seinem Grab bauten sie eine Masdschid. Danach gingen sie nach Medina.

Das Hudaybiya-Abkommen stellt einen Wendepunkt in der Geschichte des Islam dar. Ziel des Propheten war es, die feindliche Allianz, die während der Gazwa von Khandaq Medina belagert hatte, zu zerstören. In der Tat mussten sich die Quraisch durch diesen Vertrag unparteiisch gegenüber den Juden von Khaybar und dem Stamm Gatafan verhalten und dadurch entstand die Möglichkeit, auf dem Rückweg von Hudaybiya Khaybar anzugreifen. Außerdem endete mit dem Abkommen das feindliche Benehmen der Quraisch gegenüber den Muslimen. Die Götzendiener der Quraisch, die bis dahin die Muslime nicht anerkannten, akzeptierten sie durch dieses Abkommen als eine ihnen gleichgesetzte Partei. Hierdurch konnten sowohl die Stämme der Muschriq (Götzendiener), als auch die muslimischen Stämme, viel leichter Kontakt zum Propheten unterhalten und die Einladung zum Islam konnte sie leichter erreichen. Tatsächlich verbreitete sich der Islam ab diesem Zeitpunkt sehr schnell in der arabischen Halbinsel; und zwar in dem Maße, dass die Zahl der Menschen, die innerhalb von zwei Jahren, ab dem Hudaybiya-Abkommen bis zu der Eroberung Mekkas, zu Muslimen wurden, die Zahl der Menschen, die den Islam in den letzten achtzehn Jahren angenommen hatten, übertraf. Außerdem wurde es möglich, offizielle Einladungsbriefe zum Islam an die Staatsoberhäupter der benachbarten Länder zu schicken. Das Hudaybiya-Abkommen, das anfangs nicht angenommen wurde, war der größte politische Erfolg des Propheten, was auch im Koran bestätigt wird. Die in diesem Zusammenhang offenbarte 48. Sure des Koran, wurde "al-Fath" genannt und der besagte Vertrag als "Fath mubin" (eine offensichtliche Eroberung) und "Nasr aziz" (ein ehrenvoller Sieg) bezeichnet (al-Fath 48/1, 3). Ein Jahr später ging der Prophet mit seinen Gefährten nach Mekka und vollzog mit ihnen seine Umra. Diese Umra wurde Umra al-Kaza genannt.